14/03/2026 0 Kommentare
Und wir schauen hin!
Und wir schauen hin!
# Kinder und Familien

Und wir schauen hin!
Auch im Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP) hat es über Jahrzehnte sexualisierte Gewalt gegeben. Der VCP hat die Fälle in einer wissenschaftlichen Studie aufgearbeitet. Die Ergebnisse sind schmerzhaft. Der Werderaner Pfadi-Stamm „Willi Frohwein“ verschärft seine Präventionsmaßnahmen.
Eigentlich sollte hier stehen, welche tollen Abenteuer die Werderaner Pfadis im vergangenen Jahr erlebt haben. Nun muss über ein dunkles Kapitel der Jugendarbeit geschrieben werden. Wir wollen nicht wegschauen. Das sind wir den Opfern schuldig. Und wir müssen unsere Lehren daraus ziehen.
Seit der Gründung des Verbands Christlicher Pfadfinder*innen im Jahr 1973 hat die nun vorliegende Studie 344 Betroffene von sexualisierter Gewalt festgestellt. Etwa 60% der Opfer waren weiblich, die meisten zum Tatzeitpunkt zwischen 13 und 17 Jahren alt. Mindestens 161 Personen, meist Männer, wurden als Täter oder Beschuldigte erfasst. Da die VCP-Mitgliederzahlen in den alten Bundesländern traditionell deutlich höher sind, sind es dort auch die Fallzahlen.
Aus Brandenburg sind keine Taten bekannt. Insgesamt, ist aber von einer beachtlichen Dunkelziffer auszugehen. Die Studie beziffert diese nicht. Auch wenn die Zahlen kleiner sind als in anderen Organisationen, auch wenn es systematische Verdeckung nur in Einzelfällen belegbar sind, so ist jeder einzelne Fall für die Opfer eine Tragödie und für die Pfadfinderbewegung einer zu viel. Wir, die auf Bundes- Landesebene und in den örtlichen „Stämmen“ Verantwortung tragen, haben jetzt die Pflicht, genau hinzuschauen, systemische Gefahrenquellen zu verringern und Abwehrmechanismen gegen sexualisierte Gewalt zu stärken. Die Studie unterscheidet verschiedene „Fall-Arten“: So hat es in den frühen Jahren des Verbandes Einzelfälle ritueller Gewalt gegeben. Solche Rituale gibt es heute, nach allem was wir wissen, im VCP nicht mehr. Eine zweite Fall-Art scheint mit Jugendarbeit nur am Rande zu tun zu haben. Hier handelt es sich um Taten, die sich aus zufälligen Begegnungen ergeben haben. Die Studie dokumentiert rund zwei Dutzend Fälle dieser Art.
Insgesamt sind 106 Fälle von „institutionellem Missbrauch“ in der Studie aufgeführt: Erwachsene Leitungspersonen nutzen ihre Macht gegenüber Kindern oder Jugendlichen aus. Hier hat es vielfach langfristige Manipulation bei besonderen Abhängigkeitsverhältnissen gegeben. Täter waren in diesen Fällen meist eng mit der Kirchengemeinde als hauptamtliche Mitarbeitende verbunden. Durch ihre Stellung hatten diese Personen bisweilen einen gewissen informellen Schutz. An manchem Ort galt die Annahme: ‚Der macht doch so etwas nicht.‘ Eine systematische, in den Kirchenstrukturen verankerte Vertuschung ist durch die Studie nicht belegt.
Die meisten dokumentierten Fälle von sexualisierter Gewalt haben unter Jugendlichen stattgefunden: Gewalt gegenüber jüngeren Kindern, Grenzverletzungen zwischen gleichaltrigen Peers und Übergriffe unter Jugendlichen, häufig im Kontext erster Beziehungen oder Intimität.
Gemeinsam auf Fahrt gehen, in Zeltlagern oder in Jugendherbergen zusammenkommen und eben die Pfadfindergemeinschaft leben, zeichnet unser Programm für junge Menschen aus. Grenzen zu ziehen und dafür zu sorgen, dass diese nicht überschritten werden, dafür müssen Gruppenleiter*innen so gut wie möglich sorgen.
Bereits seit Jahren ist das Thema „Awareness“ /„Aufmerksamkeit“ in Sachen Gewaltprävention ein wichtiger, ein zentraler Bestandteil unserer Ausbildung und der pädagogischen Konzepte. Auf Landes- und Bundesebene gibt es Vertrauenspersonen. Auf jedem größeren Lager sind speziell ausgebildete Pfadfinder*innen ansprechbar bei Ängsten, Sorgen und Nöten. Zudem versuchen wir, entgegen einer etwaigen Scham Dinge anzusprechen und zu benennen. Es gilt, dass wir aufeinander aufpassen. Aber es sind ja eben auch ausgebildete, geschulte Erwachsene, die zu Tätern werden. Diesen versuchen wir, es so schwer wie möglich zu machen: Alle Mitarbeitenden ab 16 Jahren müssen ein erweitertes Führungszeugnis beim VCP hinterlegen. Mit Blick auf das kommende Bundeslager im Sommer, unser größtes internationales Camp, laufen derzeit verpflichtende Trainings. Ohne Teilnahme daran, keine Teilnahme am Bundeslager!
Ein wichtiger Lehrinhalt dieser Schulungen: Erkennen, wann es zu Grenzüberschreitungen kommt oder gekommen ist. Die VCP-Studie hat dazu offengelegt, dass Opfer ihr Trauma lange, manchmal jahrelang, mit sich herumtragen. Dabei kann schnelles Erkennen größeren Schaden eindämmen und Täter schneller zur Rechenschaft ziehen.
Wir in Werder achten sehr darauf, dass Kinder und Jugendliche ihre Privatsphäre haben. Schlafzelte und Jugendherbergszimmer sind für Erwachsene tabu. Gleiches gilt für einsame Spaziergänge oder Baden im See. Auch hier gilt: In der Gruppe passen wir aufeinander auf. Im Stamm werden wir dieses noch einmal verstärkt und im Dialog mit den Eltern thematisieren. Und auch bei aller Aufmerksamkeit, bei allen Schulungen und Führungszeugnissen: einen 100%-igen Schutz gibt es nicht. Das ist wohl die schmerzhafteste Erkenntnis aus der VCP-Studie.
Wir werden so wachsam sein, wie wir nur können.
Markus Weidling
Kontakt: pfadiswerder@e-mail.de
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